ausgewählt von Mathias Stahl

"Weil wir die Wahrheit nicht kennen können, ist alles 'recht' und 'gerecht', was eine Mehrheit entscheidet. Und deswegen entspricht die Demokratie als eine nicht von höheren Werten abgeleitete Regierungsform auch einer Welt, die erkannt hat, dass man sich auf höhere Werte nicht berufen kann, weil eben alle Werte relativ sind. Man sieht hier überdeutlich, wohin es führt, den Gurus eines schrecklich falschen Werte-Begriffs auf den Leim zu gehen. [...] Die Relativität von 'gut' und 'böse' - und damit die Beliebigkeit aller Werte und Handlungen - kann nur ein Szenarium der Hölle sein."

"Verstand man [unter Demokratie] bis ins 19. Jahrhundert noch die strenge parlamentarische Kontrolle der Exekutive zum Schutz der Bürger gegen willkürliche Eingriffe ins Privatleben und ins private Eigentum, so kommen heute - im Zeichen einer ins Irrwitzige übersteigerten Definition von Volkssouveränität  - die meisten Gesetzesvorlagen für zwingende politische Interventionen in den Privatbereich aus dem Parlament, und die Exekutiven schaffen sich daneben ihre Gesetze fast nach Belieben. Aus demokratischen Schutzgesetzen (Schutz der Person vor dem Gewaltmonopolisten Staat) sind `demokratische` Ermächtigungsgesetze (zur Auslieferung des Bürgers an die Befehle der Staatsorgane) geworden. Seit der sogenannten 68er-Revolution hat der zirzensische Begriffswandel noch an Geschwindigkeit und Intensität zugelegt. War er doch von ganzen Heerscharen von Soziologen, Philosophen und Politologen begleitet und ins Werk gesetzt.

Noch 'erfolgreicher' als der Marsch durch die Institutionen war der Marsch durch die Definitionen."

Quellen: Roland Baader, Kreide für den Wolf, S.193; Totgedacht, S. 106f.