von William Engdahl und Lars Schall

ausgewählt von Mathias Stahl

Wer heutige (Geo)Politik verstehen möchte, muss versuchen hinter die Kulissen zu schauen. Die Auszüge des Interviews zwischen Schall und Engdahl können dazu einen Einblick geben, welcher so in unseren "Qualitätsmedien" nicht zu finden ist. Jeder politisch Interessierte muss sich heutzutage alternative Medien zu Gemüte führen, um Politik halbwegs interpretieren zu können, auch wenn sich wesentliche Aspekte davon dem Großteil des alltäglichen Erfahrungshorizonts entziehen. Hier hilft dann oft die kriminalistische Frage nach dem Motiv oder Cui bono? (Wem zum Vorteil?) weiter. Doch jeder bilde sich seine eigene Meinung!


It's all about Oil?

„Wenn es mit den Vereinigten Staaten zu tun hat, muss man immer unterscheiden zwischen rund 300 Millionen normalen Menschen wie Sie und ich, die versuchen, mit ihrem Leben klarzukommen, und versuchen, für ihre Familien zu sorgen und einer anständigen Arbeit nachzugehen und ein menschenwürdiges Leben zu führen, und vielleicht einer Handvoll von ein paar Dutzend ultra-mächtigen Leuten …

... der amerikanischen Elite .. lag in diesem Sinne nie das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit am Herzen, und das werden sie auch nie tun. Sie verstehen sich einfach wie vielleicht einige der russischen Oligarchen sich gegenüber dem russischen Volk sehen, nur mehr noch, sie denken, sie seien buchstäblich die Götter der Welt.

 

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Die Macht der Vereinigten Staaten als einzige Supermacht der Welt ruht auf zwei Säulen – behalten Sie das im Kopf, … . Dies wird in der Regel nicht diskutiert, aber es ist wichtig, um zu verstehen, wie das amerikanische Establishment seit dem 2. Weltkrieg funktioniert. Die beiden Säulen sind: Amerika als einzige nicht herauszufordernde militärische Hegemonialmacht, und die zweite ist der US-Dollar als weltweite Reservewährung. Wenn das weg ist, können Sie den Vereinigten Staaten den Abschiedskuss als eine funktionierende Weltmacht geben. Die Geld-Zentrumsbanken der WallStreet wissen das, ebenso wie die City of London und andere.

Die Deutschen sind meiner Meinung nach noch ein wenig naiv, wie die Macht des Geldes seit dem Zweiten Weltkrieg arbeitet. Deutschland besaß einige sehr anspruchsvolle Ökonomen, zurückgehend auf die Zeit von Friedrich List in den 1820er Jahren. Aber seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, würde ich sagen, hat sich die Qualität des strategischen ökonomischen Denkens in Deutschland deutlich verringert, vor allem nach 1945 und den US-geführten deutschen “Umerziehungs”-Bemühungen.

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Das amerikanische Volk denkt von sich selbst nicht gerne als Imperialisten wie die Briten. Wir nennen es die Ausweitung der Demokratie und der demokratischen Freiheiten. Wir nennen es die Verbreitung des Systems des freien Unternehmertums in anderen Teilen der Welt, und unter diesem Deckmantel werden wir unsere Macht als unangefochtener Supremo auf dem Planeten erbauen. Und das, muss ich sagen, war einer der brillantesten Öffentlichkeitsarbeits-Propaganda-Tricks in der modernen Geschichte, es nicht ein Imperium zu nennen. Aber de facto ist es das in jedem Sinne des Wortes, die Herrschaft des Pentagon und die Kontrolle ist genauso real wie das britische Empire, sogar noch mehr.

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Wenn die Kontrolle gebrochen werden kann – und es ist ein sehr kompliziertes System, dass das anglo-amerikanische Establishment seit dem 2. Weltkrieg aufgebaut hat, um den Ölpreis zu kontrollieren -, es ist sicherlich möglich, es zu brechen. Das ist eine politische Entscheidung. An diesem Punkt wird Öl aufhören, eine Waffe der geopolitischen finanziellen Kriegsführung zu sein, und wird eine normale Ware, deren Preis über Angebot und Nachfrage bestimmt wird, was er jetzt nicht ist.

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… den Terror” gegen China, Russland und das Potential, wie Brzezinski 1997 in seinem Buch “Die einzige Weltmacht” erklärte, von Eurasien als Landmasse im Hinblick auf die Geopolitik gerichtet. Das geht zurück auf Sir Halford Mackinder, dem britischen Geographen und seinem berühmten Aufsatz von 1904, “The Geographical Pivot of History”, wo er über Russland und seine Landmasse als “Herzland” der Welt spricht. Brzezinski und Kissinger sind beide Studenten der Mackinder. Sie reden nicht oft darüber, aber es ist klar, dass sie in der britischen Geopolitik-Strategie geschult wurden. Und die Idee ist: Sie müssen unter allen Umständen eine Kohäsion unter den Großmächten Eurasiens verhindern.

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Interessanterweise schufen dann 2001 die Großmächte Eurasiens: Russland, China und die verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion dazwischen, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan, die sogenannte Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (Shanghai Cooperation Organization), zunächst als ein Dialogforum für eine mögliche Zusammenarbeit. Es war nicht wie die Europäische Union konzipiert, aber zumindest als Anfang für eine Art Zusammenhalt. Und das stellte den ultimativen Halford Mackinder-Alptraum für die amerikanische Geopolitik dar, weil, wie Brzezinski ganz offen schrieb: Der einzige Ort auf diesem Globus, der die personellen Ressourcen hat, die wissenschaftliche Basis, die industrielle Basis, die Energierohstoffbasis, um eine Herausforderung für die amerikanische Weltmacht zu sein, ist Eurasien. Das ist buchstäblich das, um was es im “Krieg gegen den Terror” geht. […]

Ich denke, dass all dies Teil einer sehr komplexen und langjährig geplanten Wiederholung der US-Ölkrisen der 1970er Jahre ist, mit dem Ziel vor Augen, nicht nur die US-Kontrolle über die Ölmärkte zu erhalten, sondern über die globale Wirtschaftsentwicklung. Zu viele Länder beginnen seit September 2001 Lösungen außerhalb der Abhängigkeit von Washington zu erkunden und zu finden.

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Was ich sich in den nächsten Jahren entfalten sehe, ist dies: Wir sind – und waren seit, würde ich sagen, etwa den frühen 1970er Jahren – inmitten einer epochalen tektonischen Verschiebung in der globalen politischen Macht, der globalen Machtbalance. Die Zukunft – für die Länder der Europäischen Union als auch für einen Großteil der Welt – liegt in der Zukunft der Völker oder Länder Eurasiens. Im Moment sind die europäischen Eliten klinisch schizophren: die eine Hälfte ihrer Anhänglichkeit klammert sich immer noch verzweifelt an das Atlantik-Bündnis mit den Vereinigten Staaten, die andere Hälfte ihrer Vernunft erkennt rational an, dass die Zukunft im Osten liegt – ob es Russland ist, ob es China ist, ob es die zahlreichen Ländern dazwischen in Zentralasien, im Nahen Osten sowie Teile von Afrika sind.

Europa hat jedes Potenzial, jede Möglichkeit und jede Ressource, um eine wirtschaftliche Renaissance zu schaffen, wie die Welt sie noch nie gesehen hat. Wenn die Europäer ihren Wagen weiter an den NATO-amerikanischen Stern orientieren, dann sind die Aussichten für Europa in der Tat düster.

Aber wie dem auch sei: die Zukunft der Euro-Zone und der Europäischen Union befindet sich, meiner Meinung nach, in den nächsten zehn, zwanzig Jahren an einer Kreuzung, und das hängt davon ab, wie sie sich vis-à-vis der Zukunft ihrer Beziehung zu Eurasien und ihrer Beziehung zur NATO und den Vereinigten Staaten entscheiden. Die US-Eliten, die die NATO beherrschen, werden nicht ohne einen großen Kampf aufgeben, das ist klar. Aber das ist der Kampf auf der Agenda, wenn wir eine lebenswerte Welt in den nächsten Jahrzehnten haben wollen."

Quelle: cashkurs.com