Jörg Bretschneider
Jörg Bretschneider

von Dr. Jörg Bretschneider

In einer Bibelarbeit auf dem Evangelischen Kirchentag 2017 unterstellte Frau Käßmann, Ex-Bischöfin und Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland, der AfD unter Bezug auf deren familienpolitische Forderungen im Wahlprogramm eine rassische Definition von "einheimischer Bevölkerung", deren Geburtenrate die AfD „mittelfristig steigern“ möchte, um die Sozialsysteme dauerhaft zu stabilisieren und den Bedarf der deutschen Unternehmen an Fachkräften langfristig decken zu können.

Eine nähere Definition von einheimisch, gar eine rassisch begründete, steht aber weder dort noch anderswo in irgendeinem Programm der AfD. Sie ist auch nicht indirekt gemeint, son­dern wurde von Käßmann erfunden, um sich auf Kosten der AfD als "Sauberfrau" im Kontext der politischen Korrektheit zu profilieren.

Gemeint sind im Wahlprogramm der AfD gemäß dem allgemeinen deutschen Sprach­ge­brauch mit „einheimischer Bevölkerung“ alle seit mindestens einer Generation in Deutsch­land ansässigen Staatsbürger gleich welcher ethnischen Herkunft, die also hier in Deutsch­land ‚schon länger leben’ und für welche die im Grundgesetz verankerten Werte und die Geschichte dieses Landes maßgebend für ihre Identität sind. Die mit Deutschland als Heimat verbunden sind. Darunter zählen zweifellos neben der Mehrzahl der ethnischen Deutschen auch solche ehemaligen Zuwanderer und deren Kinder, die sich mit diesem Land, seiner Sprache, Kultur und Geschichte identifizieren und seine Gesetze respektieren, die sich hier „heimisch fühlen“.

An diesem Ausfall des EKD-Stars Käßmann zeigt sich, wie selbst hochintellektuelle Persönlichkeiten der Amtskirche ihre Machtposition missbrauchen, um politische Akteure zu diffamieren, die sie als Gegner ihrer eigenen politischen Agenda wahrnehmen. Es werden Scheinfragen gestellt, aber nicht beantwortet. Es werden diffamierende Auslegungen erdacht, die mehr über das Denken der Auslegenden sagen als über die Autoren der Texte, die sie hier auslegt. Welchen Wert hat angesichts solcher Entgleisungen ihre Auslegung des Bibeltexts zu Maria für die Zuhörer? Wer sich so billig profilieren muss, hat möglicherweise selbst nichts wirklich Sinnstiftendes zu sagen.

Doch holen wir die Beantwortung der Scheinfragen von Frau Dr. Käßmann zum familienpolitischen Wahlprogramm der AfD nach:

"Erste Frage: 'Die Wertschätzung für die traditionelle Familie geht in Deutschland zunehmend verloren' Stimmt das?"

Ja, es stimmt wenn man die seit Jahrzehnten rückläufigen Eheschließungszahlen, die zunehmende Zahl kinderloser Paare und Alleinlebender, die sinkenden Geburtenzahlen und die fortwährend steigende Scheidungsrate,... und auch den Querschnitt der medialen und politischen Konnotation des traditionellen Familienbildes als Tatsachen zur Kenntnis nimmt.

Nein, es stimmt nicht, wenn man sich die Wünsche der jungen Leute anschaut, die laut Umfragen in großer Mehrheit eine ebensolche traditionelle Familie wollen. Die aber anders entscheiden, sobald sie merken, dass Familie mit Einschränkungen ihrer individuellen Freiheit oder ihrer beruflichen Entwicklung verbunden und Kinder zu haben Armutsrisiko Nummer eins in Deutschland ist, einem der reichsten Länder der Welt. An der Stelle stimmt es leider doch wieder - und genau das will die AfD ändern!

„Für die traditionelle Familie“ heißt dabei nicht: „gegen andere Partnerschaftsformen“. Diese sind zu tolerieren, aber nicht „gleichzustellen“. Toleranz heißt nicht Akzeptanz der Gleichartigkeit oder Gleichwertigkeit, sondern Duldung des als ungleich, unpassend oder sogar nicht gleichwertig Betrachteten oder im Grundsatz sogar Abgelehnten. Für die AfD ist die traditionelle Familie die Norm und Regel, die durch Abweichungen und Ausnahmen in keiner Weise in Frage gestellt werden kann, vielmehr bestätigt wird.

"'Die zunehmende Übernahme der Erziehungsaufgabe durch staatliche Institutionen wie Krippen und Ganztagsschulen, die Umsetzung des ‚Gender-Mainstreaming‘-Projekts und die generelle Betonung der Individualität untergraben die Familie als wertgebende gesellschaftliche Grundeinheit.' Zweite Frage: Was ist denn das für ein Vorwurf, wen soll der treffen?"

Das ist gar kein Vorwurf, Frau Käßmann, sondern eine Analyse der Realität, die von der AfD und vielen Bürgern schlicht festgestellt wird. Allerdings lassen sich aus dieser Analyse zweifellos Vorwürfe ableiten gegen jene Kräfte und Personen, welche die erwähnten politischen Projekte vorangetrieben haben und mit Frau Käßmann offenbar für sakrosankt halten. Dies tut die AfD, und sie ist die einzige politische Kraft, die den Mut hat, diese politisch inkorrekte Analyse auszusprechen, die sie mit vielen Bürgern teilt.

Treffen wiederum wird das politische Akteure, die unter Familie gern jede mögliche Kombination von Personen welchen der diversen modernen Geschlechter auch immer verstehen und so die traditionelle Definition aufweichen wollen, die auch dem Grundgesetz zugrunde liegt, dass nämlich Familie im Kern ein Mann, eine Frau und deren gemeinsame Kinder sind. Wobei auch Großeltern ein Mann und eine Frau sind, deren Kinder eben eine neue Familie gegründet haben.

Erfreulicherweise scheint Frau Käßmann aber auch Ansichten der AfD zu teilen, jedenfalls was die Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung angeht, die vom Grundgesetz in Artikel 6 ganz klar in die alleinige Verantwortung der Eltern gestellt wird:

"Warum nicht so: Jede Mutter – möglichst gemeinsam mit jedem Vater – sollte entscheiden können, wie es für sie und ihr Kind, ihre Kinder, am besten ist und alle Möglichkeiten haben, zu wählen!"

Abgesehen davon, dass hoffentlich jede Mutter gemeinsam mit _dem_ Vater (ihres Kindes) gemeint ist: Richtig so, Frau Käßmann! Deshalb fordert die AfD auch in ihrem Wahl­pro­gramm, dass Eltern sich frei für die für ihre Familiensituation geeignete Betreuungsform entscheiden können – ohne finanzielle Lenkung durch den Staat. Einen Staat, der bislang unter SPD/CDU-Regierungen ausschließlich die Betreuung in Kindertagesstätten und Krippen mit mehreren Mrd. Euro pro Jahr fördert und so der immer früheren Entwurzelung der Kinder aus der Bindung an ihre Eltern Vorschub leistet – zunächst um der Forderung der Wirtschaft nach (weiblichen) Arbeitskräften Genüge zu leisten, aber eben auch um ihre Identität als Kinder ihrer Eltern zu schwächen und sie bereits frühzeitig durch staatliche Erziehung prägen und leichter durch Medien und Meinungsmache indoktrinieren zu können.

Dass AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel nach Meinung von Frau Käßmann Hetztiraden von sich gibt, schien der trinkfreudigen Ex-Bischöfin im Rahmen ihrer Bibelarbeit dann doch wichtig zu sein. Warum eine Gelegenheit zum Auskeilen gegen eine Frau verpassen, die trotz eigener Entscheidung gegen die traditionelle Familienform ebendiese politisch vertritt und ansonsten messerscharf die Haltlosigkeit der deutschen Euro- und Finanzpolitik an den Pranger stellt. Eine Politik, die so massiv dem von Frau Käßmann doch auch lautstark vertretenen Gedanken der Solidarität, insbesondere aber auch dem biblischen Gebot der Nächstenliebe widerspricht. Wer ist Dein Nächster? Das fragte kein Geringerer als Jesus.

Sind es die Bürger Griechenlands, die für die Spekulationsgewinne französischer und italienischer Großbanken mittels deutscher Rüstungsgeschäfte eine harte Zeche bezahlen müssen? Oder eher die deutschen Mitbürger, die mit ihren Steuern die Rettung dieser Großbanken bezahlen, die als Rettung Griechenlands verkauft wird?

Oder doch vielmehr die zahlreichen Auswanderer aus afrikanischen Scheinstaaten, die in der Lage sind, für eine Schleppung nach Europa das Mehrfache eines durchschnittlichen Jahreslohnes in ihren Heimatländern zu bezahlen – um dann im Mittelmeer jämmerlich zu ersaufen, wenn die Übergabe der Koordinaten ihrer seeuntüchtigen Schlauchboote durch die Schlepper an die Hilfsschiffe deutscher Eine-Welt-Idealisten nicht richtig funktioniert und auch die Schiffe der EU-„Schleppermission“ Sophia 12 Meilen vor der libyschen Küste nicht rechtzeitig zur Stelle sind?

Oder sind es die Hunderttausende sunnitischer junger Männer aus Syrien oder Afghanistan, denen nach Jahren des Bürgerkrieges, an dem sie oft aktiv auf Seiten der einen oder andere mehr oder weniger radikalen Gruppe teilgenommen haben, die Lust am Kämpfen vergangen ist? Die mit Rucksack und gefälschten Papieren – an den zugekniffenen Augen der türkischen „Grenzschützer“ vorbei – über den Balkan oder das Mittelmeer durch offenen Grenzen nach Deutschland gewandert sind, um sich hier als „Geflüchtete“ für eine lange Weile auf Kosten der treuherzigen Deutschen mit ihrer Willkommenskultur zu erholen?

Oder ihre christlichen Landsleute, die sie zuvor in ihren Kämpfen teilweise rücksichtslos bedroht und ermordet haben, und die weiterhin in den von der UN immer schlechter versorgten Lagern in der Region ausharren und darauf warten, ihre Heimat wieder aufbauen zu können?

Wie dem auch sei, eine ihrer Aufgabe als Reformationsbotschafterin angemessene Botschaft hat Frau Käßmann an diesem Wochenende wohl kaum weitergegeben. Oder doch? Steht nicht auch in der Bibel: Wenn dich die bösen (AfD-) Buben locken, so folge ihnen nicht!?

Zu blöd, dass sich auch viele Christen in der AfD engagieren – aber das können ja gar keine richtigen Christen sein, oder? Wählbar für Christen sei die AfD nicht, hat diese kirchlich verbeamtete Volksberuhigungsbotschafterin noch kurz vor dem Kirchentag ihren Fans mit auf den Weg gegeben. Diese wären gut beraten, gründlicher hinzuschauen, zuzuhören und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, statt unser Land mit vorgekauter Meinung auf dem breiten Weg der staatlich besoldeten Populisten treu und brav gegen die sprichwörtliche Wand zu fahren.

Luther hat hartnäckigen Widerstand geleistet gegen die Ausplünderung und Verdummung seiner Landsleute durch die damals noch mehr als heute als weltliche Macht agierende Kirche. Er musste heftigsten Gegenwind ertragen und hat gar Leib und Leben riskiert für seine Überzeugung, dass der (Christen)mensch frei sei und zu niemands Knecht gemacht werden dürfe, während er erst in der vollkommenen Hingabe an Gott wahre Freiheit finden könne. Christen sind auch heute gut beraten, ihrem Doktor Martin aus Wittenberg genau „aufs Maul zu schauen“ statt den Pfaffen der heutigen Zeit und ihren wohlfeilen Utopien kritiklos nachzulaufen.